The Blog


Unternehmensgründung: Skalierbares Online Business oder klassischer Dienstleister – was passt für mich?

Wir Deutschen machen neuerdings aus allem gerne ein „Projekt“. Projekt Individualurlaub, Projekt Eigenheimbau und inzwischen sprechen Zyniker auch bereits vom „Projekt Kind“. Mit generalstabsmäßigen Planungsansätzen wird das Projekt angegangen und keine zeitlichen und finanziellen Ressourcen gescheut um dieses zum Erfolg zu bringen. Das kann im Privatleben auch funktionieren und ist ok wenn es darum geht sich zu verwirklichen, bei der Unternehmensgründung ist das aber nicht unbedingt der richtige Weg bzw. einige Dinge laufen hier einfach anders.

Durch meine Arbeit in der Videoproduktion hatte ich bisher Einblick in über 100 Firmen aus den unterschiedlichsten Branchen und durfte dadurch die spannendsten und interessantesten aber auch die abstrusesten und aussichtslosesten Unternehmungen kennenlernen. So sehr ich den neuen Gründergeist der Bundesbürger schätze, so sehr schmerzt es mich viele, auch gerade junge Gründer in Richtung Misserfolg laufen zu sehen. Obwohl dies aus meiner Sicht oft auch vermeidbar wäre da häufig die Persönlichkeit und die Motivation des Gründers stimmen nur schlichtweg die Idee nicht. Ich möchte mal behaupten das früher noch die Not erfinderisch machte und daraus viele gute Geschäftsideen geboren wurden. Manch einer mag mich für zynisch halten, was ich aber damit sagen will ist, dass Geschäfte hochgezogen wurden die einen echten Bedarf bedienten.

Natürlich fehlt es Gründern häufig an Kapital um ein Geschäft aufzubauen und da liegt natürlich die Gründung eines skalierbaren Online Business nahe. Obwohl eine solche Gründung, sofern sie seriös angegangen wird, auch nicht super preiswert ist – das aber nur am Rande. Als zweite Faszination kommt der Traum vom sogenannten Passiven Einkommen dazu. Eigentlich jeder der sich im Internet bewegt, egal ob beruflich oder privat wird früher oder später mit dieser Art von Geschäft konfrontiert. Versprochen wird viel Freizeit, da dass Online Business „automatisch“ Kunden gewinnt und bedient. Weitere Vorteile wären das „Arbeiten von überall auf der Welt“ und der „geringe Kapitaleinsatz“ für eine Firmengründung. Ich möchte dieses Geschäftsmodel nicht kritisieren oder schlecht machen. Wer sich reinhängt kann es schaffen.

Ich möchte aber allen, vielleicht noch unentschlossenen Gründern, einfach noch eine Alternative aufzeigen: Der Weg des klassischen Dienstleisters. Aber so klassisch dann doch wieder nicht, ich spreche nicht vom Handwerker oder dem Fahrradkurier. Ich spreche von der Arbeit als hoch spezialisierter Dienstleister, am besten im B2B Umfeld mit Tageshonoraren angefangen bei mehreren Hundert Euro bis über Tausend Euro, pro Tag. Ja, dass ist mit echter Arbeit verbunden und kann auch nicht in Badehose vor dem Laptop auf Hawaii erledigt werden aber vielleicht gibt es ja Gründerkandidaten die die Aussicht verlockend finden an 2-3 Tagen das zu verdienen was der Deutsche Durchschnittsbürger an Lohn für einen ganzen Monat bekommt.

Vielen Deutschen Firmen geht es gut und sie sind bereit für Dienstleistungen die ihnen einen Mehrwert bieten auch angemessene und gute Honorare zu bezahlen. Deshalb sollte der Fokus ganz klar auf B2B liegen. Privatkunden sind überwiegend eine undankbare Kundschaft der es fast immer um den Preis geht, der sollte so günstig als möglich sein. Eine Spezialisierung auf die kleine Zielgruppe der wohlhabenden Privatkunden kann natürlich auch sehr erfolgreich verlaufen wenn man einen guten Plan hat um diese Zielgruppe zu erreichen. Aber auch dann noch verhalten sich Privatleute oft aus geschäftlicher Sicht unprofessionell bzw. sind anstrengend im Umgang. Bleiben wir also bei den Firmen, diese haben in der Regel Geld, andernfalls verweilen sie nicht allzu lange am Markt. Firmen sind zuverlässig wenn es um Absprachen und die Einhaltung von Terminen geht und bezahlen in der Regel zuverlässig und pünktlich und diskutieren viel weniger über den aufgerufenen Preis als Privatleute.

Natürlich ist das keine Aufforderung überhöhte Preise aufzurufen aber Firmen haben ein anderes Verständnis von Honoraren bzw. ein professionelleres Preisverständnis als Privatleute. Dies möchte ich kurz an einem Beispiel deutlich machen: Aus meiner Sicht sollte jeder qualifizierte Dienstleister einen Tagessatz von mindestens 300 € plus MwSt. aufrufen, also 357 € denn ich weiß mit meinem unternehmerischen Verständnis das er diesen Betrag mindestens braucht um sein Geschäft professionell betreiben zu können. Verlangt er deutlich weniger werde ich als B2B Kunde sogar misstrauisch weil ich mir denke, dass dort irgendetwas nicht stimmen kann, denn sonst würde er oder sie keinen so günstigen Preis aufrufen. Und so denke nicht nur ich, sondern auch andere Firmen. Der Privatmann hingegen würde wahrscheinlich selbst bei diesem Mindestsatz anfangen zu diskutieren, da er anders denkt, nämlich so: Ich verdiene 2500 € pro Monat Brutto, dass sind geteilt durch 21 Arbeitstage 119 € pro Tag. Warum sollte ich also 357 € – in etwa des dreifache meines Tagesverdiensts – an einen Dienstleister zahlen?!

Kommen wir aber zum wichtigsten Punkt, dem aktuellen Bedarf: Der vielzitierte Fachkräftemangel ist manchmal vielleicht schon übertrieben aber Fakt ist, dass in der Deutschen Wirtschaft gute und spezialisierte Leute gebraucht werden und Firmen bereit sind diese gut zu bezahlen und besonders gut sind die Honorare eben wenn man auf freier Basis arbeitet und sich und seine Expertise von Unternehmen für wenige Tage „einkaufen“ lässt. Beim Online Business kann es gut klappen, aber häufig eben auch nicht weil einfach oft kein Bedarf da ist. Ich persönlich halte es einfach für fraglich, ob die meisten Gründer von Apps, Webportalen jeglicher Art oder mit dem Verkauf chinesischer Importwaren über Amazon, der Erstellung von digitalen Infoproduktion oder dem Design von T-Shirts genug verdienen werden um davon leben zu können. Einfach weil der Bedarf zum einen oft nicht wirlich da ist und andererseits der Wettbewerb einfach irre hoch ist. Ich möchte niemand von seiner Idee abhalten. Aber denen die entweder damit keine nennenswerten Erfolge erzielen oder sich noch in der Findungsphase nach einer Geschäftsidee befinden eine Alternative aufzeigen. Mein Tipp zum Schluss: 1. Etwas anbieten das wirklich einen Bedarf bedient, 2. Eine solvente Zielgruppe wie B2B bedienen, 3. Spezialisierte Dienstleistungen anbieten um gute Preise zu erzielen und nicht in einem riesigen Wettbewerbsmarkt unterzugehen. Wie gehe ich nun im ersten Schritt konkret vor? Überlegen was man gut kann und seine Fähigkeiten soweit ausbauen, dass sie ein verkaufsfähiges Level erreichen. Viel Erfolg!